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Aus aktuellem Anlass…

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… noch einmal. Vor zwei Jahren starb Gary Gygax. R.I.P. Brother.

Der Nachruf:

Wir wollten am Sonntagabend noch eine Schweigeminute einlegen für Gary Gygax. Dass wir es nicht getan haben, ist gewissermaßen seine eigene Schuld.

Zu groß war die Spannung, als unsere Waldläuferin und unser Schurke gegen einen mächtigen Golem kämpften. Als unser Kämpfer sich entschloss, künftig als Paladin dem Gott Kelemvor zu dienen. Als unser Magier dem Geheimnis seiner Herkunft einen Schritt näher kam. Als alle gemeinsam den dunklen Häschern entkamen, die auf riesigen Lindwürmern vom Himmel herabstießen.

Niemand sah auf die Uhr. Und als wir geendet hatten, verwandelten sich die wackeren Heroen wieder in ganz normale Jungs und Mädels aus dem Großraum Stuttgart, die zur U-Bahn hasten mussten. Es blieb einfach keine Zeit mehr.

Gary würde uns verzeihen

Ich denke, Gary würde uns verzeihen. Denn schließlich fiel die Schweigeminute aus, weil wir das taten, was ihm selbst nach eigener Angabe am liebsten war: Wir spielten, mit Freude, mit Leidenschaft.

Und: Wir spielten jenes Spiel, das es ohne ihn nie gegeben hätte, dessen Ursprünge er erdacht hat. Vermutlich ohne damals vor vier Jahrzehnten zu wissen, dass er ein eigenes und neues Hobby begründete.

Irgendwie – ohne den Pathos übermächtig werden lassen zu wollen. Also irgendwie sitzt er ja sowieso immer ein bisschen mit am Spieltisch, wenn wir die Bonbonwürfel mit den 20 Seiten auspacken, wenn wir finstere Verliese stürmen, wenn wir durch Wälder streifen, Städte beschützen, Intrigen aufdecken, wenn wir reiten, kämpfen, Schätze heben.

D&D war immer sein Baby

Gary Gygax ist vor genau zwei Jahren gestorben, am 4. März 2008, in Wisconsin, an einem Herzinfarkt. Freunde und Familie berichteten hinterher, dass er noch wenige Wochen zuvor Dungeons & Dragons gespielt habe. Auch wenn er TSR schon in den 90er Jahren verlassen hatte und auch bei Wizards of the Coast nicht mehr wirklich als Spieldesigner einstieg, als diese die D&D-Lizens erworben hatten, so blieb das Spiel doch immer sein Baby.

Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich binnen Stunden über das Internet. Die Berichterstattung in den Mainstream-Medien blieben erwartungsgemäß dürftig. Eine rühmliche Ausnahme in Deutschland war der lange Nachruf von Konrad Lischka auf Spiegel-Online. Der Autor hat für meinen Geschmack zwar zu sehr versucht, Gary als Computerspiel-Vordenker zu stilisieren – vermutlich war das nötig, um den Artikel im Ressort Netzwelt unter zu bringen. Und Lischka betont für meinen Geschmack zu sehr die Rolle Tolkiens bei der Entwicklung des Rollenspiels. Doch in seinen Zeilen steckt viel Arbeit und Verständnis dafür, wer Gary Gygax war.

Fünf Freunde, Würfel, Stifte

Als ich von Gary Gygax’ Tod erfuhr, habe ich mich zunächst erschrocken, habe mich gewundert. Es kam so plötzlich. Dann erst wurde mir klar, wie alt der Mann eigentlich schon war – im Sommer hätte Gary seinen 70. Geburtstag feiern sollen.

Und so wie einer der großen unserer Szene alt wurde und starb, so heißt es heute oft, das Rollenspiel selbst sei auf dem Weg, auszusterben. Oder doch zumindest, dass es an frischen Spielern mangele, an Nachwuchs, dass die Verlage Kaufkraft verlieren, die Läden dichtmachten. Es heißt, World of Warcraft & Co schadeten der Rollenspielszene. Und in Foren hauen wir uns die Köpfe darüber ein, ob D&D 3.5., Pathfinder oder D&D 4 das bessere System ist.

Vermutlich sind das alles Themen, über die wir reden müssen. Es ist wichtig, das Hobby am Leben zu erhalten. Aber manchmal, so denke ich, vergessen wir darüber, wie einfach es doch eigentlich ist: fünf Freunde, Würfel, Stifte. Viel mehr braucht es nicht. Und wie viel Freude wir dafür zurückbekommen.

Gary, wir denken an dich, jedesmal, wenn die Würfel fallen. Ruhe in Frieden. Denk daran: Falls du das nicht tust und aus deinem Grab wieder auferstehst, müssten wir unseren Paladin auf dich hetzen.

Du selbst hast uns das schließlich beigebracht.

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One Response to “Aus aktuellem Anlass…”

  1. TheClone Says:

    Hm, da wird man richtig rührseelig…

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