1. Sitzung am 6. Dezember 2009: Die verdorbene Stadt

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Vethor sah sich in jenem Viertel Shadizars um, das die Reisenden aus Hyperborea empfängt. Er sah Zelte, die sich dicht an die lehmigen Stadtmauern drückten. Er sah Männer, die einander wegen einiger Silberstücke anbrüllten, die drohend Peitschen hoben. Er sah Ochsen, deren Notdurft einfach auf der Straße liegen blieb, bis der nächste Regen sie fortwusch. Und es regnete selten in Shadizar, so sagte man. So sah sie also aus, die zivilisierte Welt. So war es in Shadizar, jener Stadt im Herzen Zamoras, dort, wo sich die Straßen der Welt kreuzen.

Vethor war erst vor wenigen Stunden mit einer Karawane aus Aquilonien hier angekommen. Viele Wochen waren sie unterwegs gewesen. Und nun hatte ihn der verdammte Karawanenführer um die paar kargen Geldstücke geprellt, die er sich durch den Viehtrieb hart verdient hatte. "Bist doch selbst nicht besser als ein Tier", hatte der Mann gebrüllt, nachdem er im Karawanenviertel Shadizars seine auqilonischen Ochsen verkauft hatte. Dann peitschte er seine Pferde zur Eile an und verschwand aus der Stadt, bevor Vethor ihm nachsetzen konnte.

Nicht besser als ein Tier? Ja, Vethor war ein Barbar, ein Sohn Cimmeriens. Und wenn dieser verruchte aquilonische Händler der Maßstab war, dann ließ er sich gerne mit einem Tier vergleichen. Die Bären in ihren Höhlen und die Adler in den Bergen hatten mehr Ehre im Leib.

Doch es nützte ja nichts. Erst einmal was trinken. Vethor fand ein Gasthaus, genannt zu den drei Kronen. Er brütete über einem Bier, bis ihn zwei Fremde einluden, sich ihrem Würfelspiel anzuschließen. Die beiden Männer konnten ungleicher nicht sein. Jörgar stand Vethor in Körpergröße kaum nach, doch hatte er hellrotes langes Haar, trug Schwert, Rüstung und den gehörnten Helm in der Tradition der Nordmannen. Huan Shi hingegen hatte Haut, die bronzefarben und gelblich erschien und rabenschwarzes Haar. Auch trug er keine Waffen - keine sichtbaren, wie Vethor später erfahren sollte. Mit flinken Fingern und Augen gesegnet gewann Huan Shi die ersten Runden des Würfelspiels. Da erhob sich lautes Geschrei in einer anderen Ecke des Gasthauses. Vethor hörte, dass ein Mann und eine Frau stritten. "Ich habe dich bezahlt", tönte der Mann. "Aber für das, was du verlangst, werde ich mich nicht hergeben", erwiderte die Frau.

Huan Shi nutzte sodann aus, dass der Mann abgelenkt schien und erleichterte ihn um einige Münzen. Jörgar wollte der Frau beistehen, was zunächst zu einem kurzen Faust- und Ringkampf führte, bis der Kerl seine gekrümmte Klinge zog und auf Jörgar einhieb. Als Huan Shi und Vethor beschlossen, ebenfalls einzugreifen, zog der Mann in den oberen Stock der drei Kronen zurück. Vethor, gar nicht faul, rannte hinterher. Ein kurzer Hieb brachte den Kerl zu Besinnung und er trollte sich.

Wieder im Schankraum sprachen Vethor, Jörgar und Huan Shi mit der jungen Dame, die sich als Nadya vorstellte. Sie erzählte recht offenherzig von ihrem Beruf - sie war ein Freudenmädchen - und als Dank für die Hilfe der drei Reisenden bot sie eine Karte an, die zu einem Ort namens Larsha führte - einer alten verborgenen Ruinenstadt einige Tagesreise von Shadizar entfernt. Diese sei, so berichtete Nadya, vor vielen Jahren aufgrund eines Erdbebens zerstört worden. Dort gebe es nun, weil nicht jeder den Weg kenne, noch so manchen Schatz zu finden - Nadya selbst hatte die Karte einem ihrer "Kunden" abgeluchst. Ganz uneigennützig war ihr Angebot indes nicht. Sie wollte ihren Teil des Schatzes abbekommen. "Eine hübsche Halskette oder so etwas", bat die junge Frau.

Allerdings sollten Vethor, Huan Shi und Jörgar sie zunächst in ein übles Stadtviertel namens "Die Wüste" begleiten. Dort wohne sie bei ihrem Vater, berichtete Nadya. "Und dort, in meinem Zimmer, liegt auch die Karte." Das Problem: In der Wüste betrachtete man Fremde, Bewaffnete und überhaupt jeden, der dort nicht hingehörte, als offene Provokation. So gut es ging verkleideten sich die drei neuen Gefährten also und schlurften, den Blick gesenkt, durch das verruchte Armutsviertel.

Es half nichts. Jörgar gelang es nicht, seinen nordmännischen Stolz auch nur für einige Augenblicke ruhen zu lassen. Den Blick provokant erhoben, die Hand am Schwerte, marschierte er zwischen den Gassen umher. Die Antwort folgt prompt. Einige Schurken sprangen aus einer Gasse hervor, um zu zeigen, dass die Gosse den Gossenbewohnern gehört. Sie attackierten Jörgar und stachen ihn binnen Sekunden nieder. Eine - Achtung Doppelsinn - wüste Stecherei begann, als Huan Shi den Dolch und und Vethor sein mächtiges Zweihandschwert zogen und die Diebe bekämpften. Diese wollten fliehen, doch Vethor setzte ihnen nach - mit Hilfe von Huan Shi töteten sie einen der Männer auf offener Straße.

Auf weitere Angriffe gefasst, warf sich Vethor den verwundeten Jörgar über die Schulter und die Gefährten liefen weiter zum Haus von Nadyas Vater, dessen Name Eriakes war. Der widerrum wollte Huan Shi und Vethor nicht hereinlassen. Nachdem die beiden versuchten, ihm zu drohen, verletzte er mit seinem Schwert auch noch Huan Shi - der Mann war offensichtlich einer der hiesigen Diebesanführer und im Umgang mit der Klinge erfahren.

Frustriert und gedemütigt verließen die Gefährten die Wüste wieder, Nadya brachte sie im Haus eines Verehrers namens Dinak unter, im Handwerkerviertel. Der wolle sie gerne heiraten. Damit er für einige Nächte Unterkunft bereit stellte, machte Nadya ihm einmal mehr schöne Augen. Vethor und Huan Shi behaupteten, sie wollten Nadyas Vater umbringen - der ein Gegner der Heirat ist, weil er dann nämlich auf Nadyas Einkünfte als Freudenmädchen verzichten müsse. Natürlich hatten die Gefährten diesen feigen Mord nicht vor, aber sie erschlichen sich mit der Behauptung Dinaks Vertrauen.

Stattdessen wollten sie nur die Karte heimlich entwenden. Des Nachts schlichen sie ins Wüstenviertel. Bevor sie allerdings in Iriakes' Haus einsteigen konnten, bemerkten einige der patroillierenden Schurken ihre Anwesenheit. Huan Shi, Vethor und Jörgar versteckten sich und überraschten sie dann. Stahl blitzte im Mondlicht auf - und die Gefährten bezwangen die Diebe, nahmen zwei gar gefangen - Fedor und Hnat waren deren Namen, die Geährten schenkten ihnen das Leben. Für den flinken Huan Shi und Vethor, der seine Rüstung nicht trug, war es ein Leichtes, ins Haus einzudringen und die Karte zu entwenden. Schnell ging es zurück ins Handwerkerviertel. Nadya, so hatten die Gefährten beschlossen, solle mit ihnen kommen, um den Zugriff ihres Vaters und Dinaks Gelüsten zu entfliehen. Am nächsten Tag stahlen sie sich gemeinsam mit Nadya aus Dinaks Haus und zogen in die Steppe hinaus, um Larsha aufzusuchen.

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