1. Sitzung am 7. Juni: Die Stadt der bunten Tücher

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Eigentlich hatte es mir ja recht gut gefallen, an Bord des Handelsseglers Seegoblin über die schimmernde See zu fahren. Welche Pracht, wenn die Abendsonne das Wasser mit einer Schicht aus Gold überzieht. Und doch, greift man nach diesem Gold, dann verschindet das Trugbild, dann zerrinnt der vermeindliche Reichtum zwischen den Fingern. Lug und Trug - und die Götter lachen.

Wie gerne hätte ich herausgefunden, ob die Geschichten über die holden Seejungfrauen und die schönen Sirenen ebenso unwahr sind. Doch es war mir nicht vergönnt. Helvik, dieser vermaledeite Luskaner, er wollte es doch unbedingt. Beleidigt mich, nannte mich Elfenbastard und Spitzohr. Hat er ja recht, aber hätte ich das etwa auf mir sitzen lassen sollen? Nein! Wir trugen es aus, er mit dem Entermesser, ich mit dem Rapier. Bei Vollmond auf Deck, bis zum ersten Blut, so war es ausgemacht. Er trug die erste Wunde davon. Aber als der Kapitän fragte, was los sei, behauptete er, ich hätte ihn angegriffen.

Naja, wurde ich eben beim nächsten Hafen ausgesetzt. "Du machst nur Ärger", sagte der Käptain mir und behauptete, ich sei noch nie ein guter Seemann gewesen. Und nun stand ich hier, mitten in Calimshan. Wollte ich schon immer mal hin, wollte ich schon immer mal sehen. Ach nein, das war ja Tiefwasser. In Calimshan stinkt es nach seltsamen Gewürzen, nach Dekadenz und Kamelpisse. Die Leute beten Talos an und denken, das gehe schon in Ordnung, weil sie dem Erzherzog der Wut einen anderen Namen geben. In Calimshan nehmen die Straßenjungen mit der rechten Hand dein erbetteltes Kupferstück, während sie mit der Linken das Gold aus deiner Tasche stehlen.

Gut, Gold hatte ich sowieso keines mehr. Nur eine paar Silberstücke waren mir noch geblieben. Der Käptain hatte meinen letzten Lohn einbehalten. "Lass dir das eine Leere sein." Sollte ich je Pirat werden, was ich mir im Großen und Ganzen als nicht so schlechtes Leben vorstelle, dann weiß ich schon, welches Handelsschiff ich zuerst überfallen werde.

Wie dem auch sei. Das Schicksal und der Staub der heißen Straßen trieben mich in die nächste Kneipe. Erst mal was trinken. Und dann Arbeit suchen. Und dann nichts wie weg hier. Sobald ich ein bisschen Geld beisammen habe, werde ich mich einer Karawane anschließen, die durch die Calimwüste zieht und ab zurück nach Norden.

Als ich so da saß und wässrigen rosa Wein trang, da kam doch glatt so ein Kerl auf mich zu. Meint der so: "Komm mal morgen ins Juwelenviertel, es gibt Arbeit für... Fremde... die hier keiner kennt... mit Waffen... verstehst schon..." Haras hieß der Typ, ich taufte ihn Haras mit den bunten Tüchern, weil er aussah wie ne Mischung aus Pfau und Papagei, aber das trägt man wohl so im Süden. Sein Herr, der Händler Takir ibn Sekir würde mir alles weitere erklären, sagte er.

Zwei Tage später - mittlerweile der 3. Uktar - schlenderte ich um die Mittagszeit in Juwelenviertel. Bei Waukeen, dieser Händlerfürst weiß wirklich zu leben. Palmen im Vorgarten, Palmen im Garten, Palmen über den weißen Zinnen, Seidentücher als Vorhänge, Teppiche, Palmen auf den Gängen und hey... wer ist eigentlich die hübsche verschleierte Frau da hinten? Süße, bleib stehen! Zu spät, verschwunden hinter ein paar Palmen im... wozu dient eigentlich ein Zimmer, dessen ganzer Boden mit riesigen Kissen bedeckt ist? Calimshan scheint auch seine guten Seiten zu haben, wenn man sich das leisten kann.

In einem großen Raum empfing mich Takir ibn Sekir. Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass Haras nur ein Sklave ist. Und so lobe ich ihn erst einmal dafür, dass er seine Sklaven so gut anzieht und daher sehr reich sein müsse. Offensichtlich bin ich nicht der einzige, den der Herr ibn Sekir eingeladen hat. Neben mir steht ein seltsam gerüsteter Krieger aus dem fernen Osten. Er stellt sich als Yoshimoto Kazuhimu vor, scheint eher der ernste und wortkarge Typ zu sein. Seine Haut ist gelb und sein exotisches Schwert echt scharf. Auch ein Mönch ist dabei, Shu heißt der und stammt irgendwo aus den Herzlanden. Wie ich später erfuhr, suchte er einen anderen, ziemlich bösen Mönch. Ich stelle mir vor, dass so jemand gerne schwarz trägt und in Calimshan zwischen all den bunten Tüchern auffallen müsste. Aber Shu hatte dennoch beschlossen, Takir ibn Sekir zu Diensten zu sein. Dieser wolle ihm im Gegenzug dazu helfen, den bösen Mönch zu finden.

Takir ibn Sekir macht sein Geld mit Haarbändern. Die sind ein echter Schlager bei Frauen. Sie helfen, dass die Frisur richtig sitzt und das Haar besonders glänzt. Kein Wunder, auf den Dingern liegt Magie. Auf jeden Fall hat sein Konkurrent, der den Namen Kalam Al Shosar trägt, die Idee gestohlen - und macht ihm nur die Kunden madig. Unser Auftrag: Wir wollen uns bei Kalam Al Shosar einschleichen und einen Beweis dafür finden, dass er die Idee gestohlen hat. Als Belohnung winkte uns ein eigens angefertigter magischer Gegenstand. Man warnte uns weiterhin. Kalam Al Shosar sage man nach, er sei mit Hexenmeistern im Bunde, auch altes Ifritblut spiele eine Rolle. Achja, fast hatte ich es vergessen: Keine Party ohne Magier. Eine Viertelstunde zu spät trudelte also ein Gnom namens Daegar ein. Der einzige eingeborene Calimshite in unserer Truppe. Der Typ redete echt wie ein Wasserfall, aber er soll angeblich ein ganz guter Illusionist sein. Wir quartierten uns daher erst mal bei jenem Gnom ein und besprachen unsere mehr oder minder ausgefeilten Pläne. Nachts schlichen wir um das Anwesen von Kalam Al Shosar. Es ist von einer hohen Steinmauer umgeben, Wachen patroullieren. Die Idee, über die Mauer zu klettern und im Schutz der Dunkelheit einzudringen, verwarfen wir bald wieder. Am nächsten Tag besuchte uns Irene, eine Sklavin, die wir bei Takir ibn Sekir getroffen hatten. Sie teilte uns mit, wir sollten auf der Hut sein - als sie beim Konkurrenten ihres Herren einemal einen Botengang erledigt hatte, hörte sie eine verzweifelte Stimme aus dem Keller Kalam Al Shasars - in ihrem Kopf!

Wir jedenfalls beschlossen, Yoshimoto, der sich selbst als "Samurai" bezeichnete und wohl einer ehrenwerten Kriegerkaste angehörte, wo er herkam, als reichen Händler zu verkleiden - und uns andere als seine Gefolgsleute und Bediensteten.

Gesagt, getan - wir klopften an und gaben mächtig an. Wir wollten "viele Schiffsladungen Handelsgüter erwerben" und "in den fernen Osten verschiffen". Die Stirnrunzelnden Kerle am Tor überzeugten wir mit der ernst vorgetragenen Behauptung, dass wir uns "woanders umsehen würden", wenn man uns nicht empfange. Es klappte. Wir wurden eingelassen, über den Hof ins Haupthaus geführt. Wir sprachen mit einem Unterhändler namens Abdul ibn Hasir. Misstrauische Wachen immer in der Nähe. Nachdem dieser sich nun zurückzog, um mit seinem Herrn über unser Angebot zu diskutieren, konnten wir unseren vollendeten Plan endlich weiterführen. Shu sagte der Wache, er müsse mal den Abort aufsuchen. Der geschickte Mönch schwang sich dann durchs Klofenster und gelangte so in einen anderen Gang. Sofort begann er, herumzuschnüffeln. So gut, wie sie uns erschien, war die Idee wohl doch nicht. Denn die Wache schlug schon eine Minute später Alarm, ob der verschwundenen Mönches. Um uns herum wurden Waffen gezückt, man drohte uns anderen, wir sollten auch ja ruhig sitzen bleiben. Daegar zauberte Illusionsmagier, woraufhin ein ohrenbetäubender Krach aus Richtung des Hofes ertönte. Zwei der weiteren Wachen rannten aus dem Raum. Yoshi und ich nickten uns zu - jetzt oder nie. Wir zogen unsere Klingen, ich mein Rapier, er sein Katana und verlangten von der einzig verbliebenen Wache, sich zu ergeben. Doch der Mann dachte nicht mal daran. Ein wildes Scharmützel entbrannte. Und der Soldat entpuppte sich als ausgesprochen guter Schwertkämpfer. Wir rangen ihn nieder, schlugen ihn bewusstlos. Doch schon war Verstärkung da, und so gingen Yoshi und ich schließlich verwundet zu Boden. Daegar, der kleine Feigling, wirkte einen weiteren Illusionszauber, der ihn aussehen ließ wie einen Küchenjungen oder so etwas.

Nun ja... auch Shu wurde von den Wachen eingefangen. Uns so sitzen Shu, Yoshi und ich im Kerker des Händlers Kalam Al Shosar, während ich diese Zeilen niederschreibe...

Valen, am 4. Uktar 1373 Taliser Zeitrechnung

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